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Cagenau, I., Grimm-Hamen, S. & Lacheny, M. (dir.) (2020). Les traducteurs, passeurs culturels entre la France et l’Autriche. Frank & Timme

Compte rendu par Klaus Kaindl


Der vorliegende Band versammelt die Beiträge eines Kolloquiums zur Rolle von Übersetzer:innen im österreichisch-französischen Kulturtransfer im 19. und 20. Jahrhundert. Ziel des Kolloquiums, das Teil des DECAF-Projekts ist (Dictionnaire des échanges culturels austro-francais), war es, die Übersetzer:innen aus ihrem Schattendasein zu holen. Seit Chestermans Aufsatz zu den sogenannten Translator Studies (2009) sowie Anthony Pyms Aufruf zu einer Humanisierung der Übersetzungsgeschichte (2009) ist in der Übersetzungswissenschaft ein immer größer werdendes Interesse an den übersetzenden Personen zu verzeichnen. Insofern stellt dieser Band grundsätzlich eine willkommene Bereicherung dar.

Die erste Sektion beschäftigt sich mit Portraits von Übersetzer:innen, ein Titel, der an den Band von Jean Delisle Portraits de traducteurs (1999) erinnert. Norbert Bachleitner eröffnet diesen Abschnitt mit einer Studie über Joseph Laudes und seine „Inszenierungs-Übersetzungen“, ein Ausdruck, der sich auf die im 18. und 19. Jahrhundert weitverbreitete Tatsache bezieht, dass Dramenübersetzungen für konkrete Bühnen angefertigt wurden. Folgerichtig untersucht Bachleitner die Person und ihre Übersetzungen auch vor dem Hintergrund der damaligen Theaterlandschaft. Mit Hilfe von biographischen Details, der Analyse von Laudes’ sozialer Stellung im Theatergefüge sowie der konkreten Arbeitsbedingungen verdichtet Bachleitner Leben und Werk des Übersetzers zu einem facettenreichen Gesamtbild. Wie wichtig eine derartige Kontextualisierung der Übersetzung im literarischen bzw. theatralen System wäre, wird im Beitrag von Éric Leroy du Cardonnoy, der sich dem französischen Grillparzer-Übersetzer Xavier Marmier widmet, deutlich. Zwar liefert auch dieser Beitrag biographische Informationen, diese werden allerdings bei der – kurzen – Analyse eines Textbeispiels letztlich genauso wenig berücksichtigt wie die Situation des französischen Theaters. Dadurch bleibt die widersprüchliche Bewertung der Übersetzung, die einerseits als relativ treu und andererseits als verflachend und bestimmte ausgangstextuelle Stilmittel ignorierend qualifiziert wird, letztlich auf einen bloßen Textvergleich beschränkt. Fanny Platelle greift – ohne allerdings darauf explizit Bezug zu nehmen – die in der Übersetzungswissenschaft immer wieder thematisierte Tatsache auf, dass Übersetzer:innen oft insofern multiple Identitäten haben, als sie in verschiedenen Berufsfeldern tätig sind (z.B. Meylaerts, 2008). An Beispiel des Übersetzers Carl Treumann – er war auch Autor, Theaterdirektor, Schauspieler, Regisseur –zeigt Platelle, wie seine Tätigkeiten in unterschiedlichen professionellen Feldern seine Übersetzung von Offenbachs Operette La Vie parisienne beeinflusst haben. Mit K. L. Ammer wird in dem Beitrag von Wolfgang Pöckl ein zu Unrecht kaum beachteter Übersetzer u.a. von Villon und Rimbaud vor den Vorhang geholt. Pöckl bettet seine Studie ähnlich wie Bachleitner in die Translator Studies ein und versucht biographische Daten mit den konkreten Übersetzungen und ihrer Rezeption zu verbinden. Dass – wie übrigens in allen anderen Beiträgen – kein Bezug auf in der Übersetzungswissenschaft entwickelten Ansätze zu einer übersetzerischen Biographik (z.B. Eberharter, 2018; Makarska, 2014) genommen wurde, ist schade, dies hätte wohl zu einer stärker theoretisch fundierten Vernetzung von Leben und Werk der Übersetzer:innen beitragen können.

Die zweite und umfangreichste Sektion nähert sich den Übersetzer:innen aus der Perspektive des Kontextes, in dem sie ihre Arbeit verrichten und ihre Übersetzungen gelesen werden. Sylvie Le Moël untersucht, wie zwei Übersetzerinnen mit dem Werk der österreichischen Autorin Caroline Pichler umgingen und dabei zwischen Verfremdung und Einbürgerung balancierten. Während hier die Übersetzung eine zentrale Rolle für die Rezeption der Autorin spielte, verhält es sich im Fall der französischen Übersetzungen von Sacher-Masoch anders. Irène Cagneau veranschaulicht in ihrem Beitrag, wie das Konzept des Masochismus die Rezeption des Autors durch die Übersetzung in Frankreich überlagerte und so bis heute einer vertieften und ganzheitlichen Auseinandersetzung mit dem Autor im Wege steht. Während zahlreiche Beiträge vergessene oder marginalisierte Autor:innen bzw. Übersetzer:innen zum Gegenstand haben, beschäftigt sich Audrey Giboux mit einem vielfach bearbeiteten Thema, der Sigmund-Freud-Übersetzung. Einer Familienaufstellung gleich gruppiert sie die verschiedenen Übersetzer:innen nach ihrem fachlichen Hintergrund, der von Philosoph:innen und Mediziner:innen über Psychoanalytiker:innen bis hin zu Germanist:innen reicht und unterscheidet dabei zwei Generationen, die Erst- und die Neuübersetzer:innen. Mit dieser innovativen Herangehensweise gelingt es ihr, die Geschichte der Freudübersetzung nicht als geradlinige Entwicklung, sondern als komplexes Konfliktfeld nachzuzeichnen. Ebenso komplex, wenn auch, was die Aufarbeitung betrifft, noch keineswegs umfassend behandelt, stellt sich die Rezeptions- und Übersetzungsgeschichte des altösterreichischen Autors Leo Perutz dar. Évelyne Jacquelin stellt einige Puzzlesteine vor, die in Zukunft dazu dienen könnten, ein Gesamtbild der Übersetzungsgeschichte zu entwerfen, die in der Zwischenkriegszeit begann und an der eine Vielzahl an Übersetzer:innen, Verlagen und Literaturvermittler:innen beteiligt war. Caroline Pernot beschäftigt sich mit dem Kafka-Übersetzer Alexandre Vialatte, der entscheidenden Anteil am Erfolg Kafkas in Frankreich hatte. Sie untersucht dabei die Einflussnahme auf die übersetzerischen Entscheidungen des Verlags Gallimard, der Vialatte nicht nur zu einer einbürgernden Übersetzung ermutigte, sondern ihm auch nahelegte, seinen eigenen Stil als Autor in seine Übersetzung einfließen zu lassen. Der Beitrag von Lucie Taïeb fällt insofern etwas aus dem Rahmen, als sie sich ihrem Gegenstand – den Übersetzer:innen von Friederike Mayröcker und Margret Kreidl – nicht so sehr aus einer wissenschaftlichen Perspektive annähert, sondern aus einer Zusammenschau an Informationen und Gesprächen, die sie einerseits mit der Verlegerin von Mayröcker und andererseits der Autorin Margret Kreidl führte. Das dabei präsentierte Material wäre zweifelsohne wertvoll für eine Netzwerkstudie zu den verschiedenen Beziehungen und Rollen der Übersetzer:innen und Akteur:innen.

Die letzten drei Beiträge, die in eine Sektion zu übersetzerischen Ansätzen, Strategien und Entscheidungen zusammengefasst werden, wenden sich vom titelgebenden Gegenstand – Übersetzer:innen – ab und fokussieren in eher traditioneller Weise auf Textvergleiche. Elisabeth Kargl beschäftigt sich mit den Problemen der Jandl-Übersetzung, die aus seinem spezifischen Umgang mit der Materialität der Sprache resultieren. Ausgehend von einem Übersetzungsverständnis, das auf Wirkungsähnlichkeit abzielt, vergleicht sie Jandls berühmten Text wien: heldenplatz mit der Übersetzung von Alain Jadot und Christan Prigent. Martina Mayer stellt mit der Übersetzung der populären französischen Kinderbuchserie Les P’tites Poules von Christian Jolibois und Christian Heinrich einen der seltenen Fälle vor, in denen gezielt in die österreichische Sprachvarietät übersetzt wurde. Während die evidenten „Austriazismen“, die als Beispiele angeführt werden, wenig überraschen, wäre es der nur kurz skizzierte mehrstufige Übersetzungsprozess sowie die Interaktionen zwischen den beteiligten Akteur:innen wert, näher unter den Prämissen des kollaborativen Übersetzens untersucht zu werden. Im abschließenden Beitrag unternimmt Aurélie Le Née in einer Art Schnelldurchlauf einen Vergleich von sechs Übersetzungen von Stefan Zweig. Die durchwegs kontextlosen Satzfragmente, die aus diesen Übersetzungen zitiert werden, lassen, wie die Autorin selbst einräumt, nicht wirklich eine fundierte Einschätzung der Texte zu. Eine Einbettung der Fragestellung in die inzwischen beachtliche Forschung zur Neuübersetzung (z.B. Albachten & Gürçağlar 2018) hätte zweifelsohne zu einer Fokussierung der eher impressionistischen Analyse beitragen können.

Insgesamt liefert der Band ein Panorama unterschiedlichster Übersetzer:innen-Persönlichkeiten und Fallstudien und zeigt, wie vielfältig und auch unerforscht die Rolle der Übersetzer:innen im österreichisch-französischen Kulturtransfer noch ist. Ebenso unterschiedlich ist auch die Qualität der Artikel. Mit theoretisch und methodisch ausgefeilten Studien (z.B. Bachleitner) über originelle neuartige Ansätze (z.B. Giboux) bis hin zu zwar thematisch interessanten, aber theoretisch wenig fundierten Beiträgen (z.B. Taïeb) sowie Artikeln, die eher an Vorstudien erinnern (z.B. Le Née), hinterlässt der Band einen insgesamt gemischten Eindruck. Eine stärkere Einbeziehung von Ansätzen und Konzepten aus der Übersetzungswissenschaft und vor allem auch den Translator Studies, die in den letzten Jahren vielfältige Herangehensweisen zur Erforschung der Identität, des Selbstbildes, der Rolle, der Biographie und Persönlichkeit von Übersetzer:innen entwickelt haben, wäre jedenfalls bei einer ganzen Reihe der Beiträge wünschenswert gewesen und hätte so manche Studien theoretisch und konzeptuell substantiiert. Ein Blick über den disziplinären Nachbarszaun wäre gerade bei einem solchen Thema für die Zukunft sicherlich lohnenswert.


Bibliographie


Albachten, Ö. B. & Gürçağlar, Ş. (2018). Perspectives on retranslation. Ideology, paratexts, methods. Routledge.
Chesterman, A. (2009). The Name and Nature of Translator Studies. Hermes 42, pp. 13-22.
Delisle, J. (1999). Portrait de traducteurs. Presses de l’Université d’Ottawa.
Eberharter, M. (2018). Die translatorischen Biographien von Jan Nepomucen Kaminski, Walenty Chledowski und Wiktor Baworowski. Zum Leben und Werk von drei Literaturübersetzern im 19. Jahrhundert. Institut für Angewandte Linguistik, Universität Warschau.
Makarska, R. (2014). Die Rückkehr des Übersetzers. Zum Nutzen einer Übersetzerbiographie. In A. F. Kelletat & A. Tashinsky (Hrsg.), Übersetzer als Entdecker. Ihr Leben und Werk als Gegenstand transationswissenschaftlicher und literaturgeschichtlicher Forschung (pp. 51-61). Frank & Timme.
Meylaerts, R. (2008). Translators and (their) norms. Towards a sociological construction of the individual. In A. Pym, M. Shlesinger & D. Simeoni (eds.), Beyond Descriptive Translation Studies. Investigations in homage to Gideon Toury (pp. 91-102). John Benjamins.
Pym, A. (2009). Humanizing Translation History. Hermes 42, pp. 23-48.


DOI 10.17462/para.2021.02.13

20 juin 2021
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