Chiaki Ripplinger, Michaela (2025). Fachübersetzen. facultas. ISBN 978-3-7089-2494-6.
Book review by Madeleine Schnierer
-
HTML version of the book review [Deutsch]:
In dem knapp 130 Seiten umfassenden Band aus der Reihe Basiswissen Translation, herausgegeben von Mira Kadrić (Universität Wien), beschreibt die Autorin ausgewählte Aspekte des Fachübersetzens und richtet sich gleichermaßen an Studienanfänger*innen wie Dozierende.
Aufbau und Inhalt
Die Monografie ist in sieben Abschnitte aufgeteilt, die jeweils ausgewählten Fragestellungen gewidmet sind. Diese Fragen werden auch gleichzeitig anstelle von Titeln in den Abschnittüberschriften gestellt. Jeder Abschnitt schließt mit sogenannten „Übungen aus dem Hörsaal“ mit didaktischen Vorschlägen für Dozierende.
Gleich eingangs wird in Kapitel 1 die Frage gestellt: „Was ist mein persönlicher Übersetzungsbegriff?“ Dieses Konzept eines persönlichen Übersetzungsbegriffes ist gleichzeitig auch der rote Faden der Monografie. Die in diesem ersten Abschnitt gestellte Unterfrage „Welche Konsequenzen ergeben sich daraus, dass der persönliche Übersetzungsbegriff von Übersetzerinnen individuell ist?“ ist in sich redundant, und wird nur dahingehend beantwortet, dass sich der Übersetzungsbegriff darauf auswirkt, was als Übersetzung und übersetzerische Arbeit wahrgenommen wird, ohne dies aber näher zu erklären. Zudem fehlen bei den Überlegungen zum persönlichen Übersetzungsbegriff leider auch Definitionen aus einschlägiger Fachliteratur oder zumindest sind sie nicht als solche gekennzeichnet. Am Ende des Abschnitts wird festgestellt, dass die Auseinandersetzung mit dem eigenen Übersetzungsbegriff und der Versuch ihn in Worte zu fassen, nicht das Ziel verfolge, mit einer stabilen Definition dazustehen. Vielmehr sollten solche Überlegungen dazu dienen, das Phänomen der Übersetzung verschiedenartig zu betrachten und zu hinterfragen (S. 22-23).
In Kapitel 2 „Wie beeinflusst das gesellschaftliche Umfeld das Fachübersetzen?“ geht es nicht explizit um den gesellschaftlichen Einfluss, sondern vielmehr um jenen von künstlicher Intelligenz. Dabei werden Chancen und Herausforderungen aufgelistet, welche künstliche Intelligenz für die Übersetzungsbranche mit sich bringt, wodurch das Kapitel für Studierende einen kurzen Einblick in diesen Aspekt gibt, wie er sich bis zur Publikation der Monografie darstellte. In diesem Zusammenhang wird die Wichtigkeit des Bewusstseins über den eigenen Übersetzungsbegriff unterstrichen, um einschätzen zu können, inwiefern maschinelle Übersetzung beim Fachübersetzen unterstützend sein kann. Im Übungsanhang wird insbesondere unter dem Titel „Ausloten übersetzerischer Grenzen“ eine sehr gehaltvolle und stimulierende (wenn auch nicht direkt mit KI zusammenhängende) Übung vorgeschlagen, indem die Studierenden zu grundlegenden Reflexionen hinsichtlich der Grenzen zwischen Translation und Transkreation animiert werden.
Die als Kapitelüberschrift formulierte Frage für Abschnitt 3 „Welche Rolle spielt Postediting für die berufliche Praxis des Fachübersetzens?“ samt der in den Unterkapiteln gestellten Fragen werden mehr oder weniger direkt beantwortet. Insgesamt werden die Leser*innen mit dem Thema Maschinelle Übersetzung und Postedition initial vertraut gemacht. Auch die diesbezüglichen Übungen bieten wertvolle Anregungen für Lehrende.
In dem sich mit Auftragsspezifikationen befassenden Kapitel 4 werden zu Beginn sechs Leitfragen gestellt, die einen Übersetzungsauftrag spezifizieren und zu translatorischen Entscheidungen führen, aber dann in Unterkapiteln nur vier davon beantwortet. Warum auf zwei der Fragen nicht eingegangen wird, bleibt ungesagt. Hingegen veranschaulichen die indirekten Antworten auf die behandelten Aspekte einiges Wissenswertes über die Beziehungen zwischen Sender*innen und Empfänger*innen von Übersetzungen.
Kapitel 5 gibt Einblicke in die Praxis des Übersetzens im Team und die daraus entstehenden Herausforderungen bezüglich Koordination. Dabei wird auch das Vieraugenprinzip erwähnt, wobei dieser Begriff einerseits für die Zusammenarbeit von mindestens zwei Personen in einem Übersetzungsprojekt verwendet wird und andererseits als qualitätssichernde Maßnahme beschrieben wird, um Flüchtigkeitsfehler zu beheben (S.82) – diese Aufgabe wird als Korrekturlesen bezeichnet. Dass das Vieraugenprinzip beispielsweise in ISO 17100, der Norm für Übersetzungsdienstleistungen, wie auch in einschlägiger Fachliteratur als sogenannte Übersetzungsrevision bezeichnet wird und diese weit mehr beinhaltet als nur das Entdecken von Flüchtigkeitsfehlern und dass das Korrekturlesen eigentlich eine der Revision nachgelagerte Maßnahme und die Bezeichnung für die Fahnenkorrektur eines fertigen Manuskripts ist, wird nicht erwähnt. Abschnitte wie beispielsweise „Wie gehe ich beim Übersetzen vor?“ und „Wie gehe ich beim Korrekturlesen vor?“ sind sicherlich nicht ausschließlich aus der Perspektive des kollaborativen Übersetzens zu sehen, da die darin gegebenen Informationen auch für individuelle Übersetzungsaufträge gelten. Auch die zu erlernende Fähigkeit, das Wissen um die eigene Expertise anderen (insbesondere Kund*innen) vermitteln und im Bedarfsfall übersetzerische Entscheidungen erklären zu können, ist wohl ebenfalls nicht nur im Rahmen des kollaborativen Übersetzens zu verstehen. Die vorgeschlagenen Unterrichtsaktivitäten zu diesem Kapitel sind wieder sehr kreativ und spannend.
Danach geht es in Kapitel 6 um die Prüfung und Bewertung von Fachübersetzungen im universitären Kontext, wobei dieser Aspekt am Beispiel der Institution beschrieben wird, in der die Autorin tätig ist, wodurch die diesbezüglichen Ausführungen demnach nur Beispielcharakter haben können.
Kapitel 7 beschließt diese Monografie mit der Frage, welche Themen noch relevant sind, wobei eine Auswahl von Themen jeweils kurz angesprochen wird. Dabei möchte die Autorin Hinweise dazu bieten, „mit welchen Lerneinstellungen Lernende in diesem selbstverantwortlichen Umfeld effektiv ihre Kompetenzen entwickeln können“ (S. 123). Es wird beispielsweise darauf eingegangen, wie Übersetzungskompetenz und Sprachkompetenz zueinanderstehen und dafür plädiert, dass der Fokus in der Übersetzungsdidaktik gleichermaßen auf dem Produkt wie auf dem Prozess liegen solle. Zudem wird auch auf die Rolle von CAT-Tools bei der Entwicklung von Übersetzungskompetenz eingegangen und es wird noch die Frage gestellt: „Was lerne ich im Hörsaal und was außerhalb?“ Das wird zwar nicht direkt beantwortet, aber darauf folgt ein abschließendes, sehr positiv anmutendes Plädoyer dafür, dass das Erlernen der relevanten Kompetenzen entgegen der landläufigen Meinung vor allem im Unterricht meist auch durchaus kollaborativ und gesellig sein kann (S. 129).
Präsentation
Die Quellenangaben am Ende eines jeden Abschnitts sind nur vereinzelt im Fließtext zu finden und daher als solche nicht direkt nachschlagbar. Vielleicht sollte man beim Verzicht auf konsequente Quellenverweise in Anbetracht der Adressat*innen (die wohl auch in korrektes wissenschaftliches Arbeiten eingeführt werden sollen) besser von „Weiterführender Literatur“ sprechen.
Was die Anrede/Perspektive betrifft, so ist der Mix aus Ich-Form „Was ist mein persönlicher Übersetzungsbegriff?“ und unpersönlicher Formulierung sowie der etwas unvermittelt auftauchenden persönlichen Anrede der Studierenden, die bis zu dieser Stelle (S. 33) nicht erfolgt und worauf auch danach wieder weitgehend verzichtet wird, nicht wirklich nachvollziehbar.
Die Entscheidung, die Kapitelüberschriften als Fragen zu formulieren, scheint zwar vor allem für Studierende ansprechend, zeigt sich aber dennoch als etwas suboptimal, da man keine direkten Antworten erhält und auch die in den Kapiteln diskutierten Aspekte nicht immer die in den Überschriften angesprochenen Bereiche betreffen.
Fazit
Insgesamt werden in dieser Monografie für Studieninteressierte und Studienanfänger*innen einige wichtige Aspekte des Fachübersetzens angesprochen. Die Erläuterungen zu ausgewählten Fragen und die punktuellen Einblicke in Praxis und Lehre des Fachübersetzens sind kompakt und in leicht lesbarer Form verfasst. Der Band eignet sich für Studieninteressierte und Studienanfänger*innen, die zum Fachübersetzen erste Einblicke ohne zu große Vertiefungen suchen. Wie schon erwähnt beinhaltet jeder Abschnitt als letzten Teil sogenannte „Übungen aus dem Hörsaal“, die den besonderen Mehrwert dieses Bandes darstellen, sind es doch didaktisch durchgeplante und höchstwahrscheinlich auch tatsächlich in Lehrveranstaltungen erprobte Übungseinheiten. Somit hält der Band auch für Dozierende innovative Ideen und praktische Tipps zur Organisation interaktiver Unterrichtseinheiten bereit.